Stadtstipendien Königslutter am Elm

Kategorie:

Organisation und Zusammenhalt
Erlebnis- und Lebensraum
Events, Belebung und Frequenz
Marketing und Kommunikation
Standortförderung und Leerstand

Einwohnerzahl:
15.305

Bundesland:
Niedersachsen

Jahr der Umsetzung:
seit 2022, 2023, 2024, 2025

Projektvolumen:
mehr als 100.000 €

Warum Best Practice?

  • Innovation durch Engagement: Mit den Stipendien kam eine motivierte Altersgruppe zwischen 22 und 30 Jahren in die Kleinstadt. Durch das experimentelle Vorgehen nach dem Bottom-Up-Prinzip im Austausch mit aktiven Menschen vor Ort bekam die Stadtentwicklung eine neue, generationenübergreifende Dynamik, die nachhaltig andauert.
  • Erfolgsmodell: Von 12 Stipendiat*innen wurden in 24 Monaten 21 Projekte mit den Menschen vor Ort entwickelt und umgesetzt. Die Mehrzahl der Projekte gingen in die Hände lokaler Trägerschaften (Ehrenamt, Vereine, Schulen etc.) über und konnten damit verstetigt werden.

Zielstellung

Was wollen wir erreichen?

  • Kleine unabhängige und neue Ideen von außen in die Stadt holen, anpassen, umsetzen und verstetigen.
  • Kooperative Verfahren erproben und der Stadtgesellschaft neue Impulse geben. Prozesse anstoßen, die durch die Menschen vor Ort weiterentwickelt werden.
  • Junge Menschen in die Stadt bringen und für die Bedarfe von Kleinstädten sensibilisieren.

Projektbeschreibung

Was ist unser Projekt? Worum geht es?

Zwischen März 2023 und März 2025 wurden im Rahmen des Förderprogramms Zukunftsräume Niedersachsen in der Kleinstadt Königslutter am Elm zwölf betreute „Stadtstipendien“ ausgeschrieben und vergeben. Die Stipendien erlaubten es Studierenden und Absolventen von verschiedenen Hochschulen im Rahmen eines unterstützen Aufenthalts (1.000 EUR pro Monat) über sechs Monate hinweg vor Ort zu leben und gemeinsam mit den Menschen dort eine Idee zu entwickeln und umzusetzen. Für die Umsetzung stand jeweils ein Budget in Höhe von 5.000 EUR zur Verfügung, das durch die Stipendiat*innen verwaltet wurde.

Den Stipendiat*innen wurden hinsichtlich der Ausgestaltung ihres individuellen Arbeitsprogramms keine Vorgaben gemacht, außer die Aufforderung, dass ihr Projekt mit den Menschen vor Ort umgesetzt und ausdiskutiert werden muss und dass sie vor Ort arbeiten, um eine lokale Relevanz ihres Projektes und dessen Fortbestand abzusichern. Deswegen stand ihnen ein Arbeitsraum in der Fußgängerzone zur Verfügung. Bei Bedarf gab es die Möglichkeit, in Königslutter zu wohnen. Eine kontinuierliche Betreuung der Stipendiat*innen koordinierte die entstehenden Projekte im Austausch mit Einwohnenden, Politik und Verwaltung.

Durch die externen Blicke junger Menschen auf eine Kleinstadt entstanden in 24 Monaten 21 neue und unerwartete Projekte: ob ein Fahrrad-Trainingsparcours für Kinder mit Behinderungen, kostenfreie Outdoorspiele im Stadtkern, die Vermarktung lokalen Quellwassers, Schulungen für kommunales Social-Media oder ein Preis für ehrenamtliches Engagement — alle Ideen berühren aktuelle Themen der Transformation in der Stadtentwicklung wie den Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung, Beteiligung und Kommunikation.

Die Projekte wurden mit den zur Verfügung stehenden Budgets überzeugend realisiert. In der Kommunalpolitik besteht fraktionsübergreifend Einigkeit darüber, dass die Leistungen der Stipendiat*innen großen Einfluss auf die Wahrnehmung der Innenstadt als „gemeinsamen Ort“ haben.

Projekt-Fahrplan

Wie sind wir vorgegangen?

  • 10.11.2022: Auftragsvergabe
  • 6 Wochen: Organisation des Projekts und Einbindung der Hochschulen
  • 4 Wochen: Klärung des Ausschreibungsprozesses unter Berücksichtigung von Anpassungen seitens der Hochschulen
  • 14.02.2023: Erste Ausschreibungsrunde der Stadtstipendien über die Hochschulstrukturen
  • Ab 15.03.2023: Sichtung der Stipendiums-Bewerbungen, Verlängerung der Ausschreibungsrunde und eine Erweiterung der Verteilung über Plattformen außerhalb der etablierten Hochschulstrukturen
  • 4 Wochen: Auswahl der Stipendiat*innen; Einladung zur Präsentation der Stadt; Vorstellung im Stadtentwicklungsausschuss; Diskussion der Prozesse, die zur Umsetzung eines Projektes vor Ort führen; Organisation einer stetigen Projektbegleitung und Integration in die bereits angestoßenen Projekte aus der MachBar e.V.
    • Die Erkenntnis ist, dass die Hochschulen zwar Interesse an den Stipendien signalisieren, aber in der Umsetzung keine Rolle spielen. Die Möglichkeit, die Stipendien als Praxisangebot in das Curriculum einzubetten, ist sehr begrenzt: aufgrund der langfristig ausgelegten Planung, der begrenzten Einbindungsmöglichkeiten für Projekte, die keine Drittmittel für die Hochschulen mitbringen, und der dadurch fehlenden Betreuungszeit für die Studierenden.
  •  März 2023 – März 2025: Zwölf Stipendien wurden vergeben, wodurch 21 Projekte entstanden sind. Die überwiegende Mehrzahl der Projekte wurde innerhalb der fünf bis sechsmonatigen Stipendienzeit verstetigt und läuft nun selbstständig weiter. Eine MikroMesse mit den Ergebnissen rundet das Projekt ab und öffnet die Vorhaben für eine Weiterführung.
    • Die Studierenden bewerben sich aus eigenem Interesse. Sie sind an der zu den Studiengängen ergänzenden Praxiserfahrung interessiert. Die eingerichtete externe Betreuung der Stipendien zeigt sich als essenziell, um die großen und zum Teil abstrakte Ideen in einem iterativen Prozess herunterzubrechen, um die Relevanz für die Einwohnenden und die Verankerung vor Ort herzustellen.
    • Die Stipendien, die eine Praktikumsvereinbarung mit der Stadt umfassen und bei den Hochschulen als Praktikumszeit anerkannt werden können, schaffen einen weiteren Anreiz für Studierende. Damit sehen auch die Hochschullehrenden das Potenzial der Stadtstipendien als Ergänzung für Studierende. Mehrere Masterarbeiten sind aus den Stipendien hervorgegangen und weitere Kommunen zeigen erhöhtes Interesse an Stadtstipendien als Werkzeug in der Stadtentwicklung.
  • Ab April 2025: Die Präsentation der „Stadtstipendien Königslutter am Elm“ stieß auf großes Echo (Vorträge in Pattensen, Osaka, Braunschweig, Essen, Wittenberge, Brüssel). Der Ansatz wird insbesondere hinsichtlich der Umsetzungsorientierung, der Arbeit mit Mikroprojekten und seinen nachgewiesenen Verstetigungserfolgen mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.

Partnerschaften

Wer war mit im Boot?

Stadtverwaltung, Einzelhandel, Dienstleistungsunternehmen, Vereine, Immobilieneigentümer, Bürgerschaft

Konkret:

  • Stadt Königslutter am Elm (Trägerschaft); InD initialdesign und Recén+ (Begleitagenturen); MachBar e.V.

  • Projektbeteiligte u.a.: Stadt Königslutter am Elm Stadtbücherei; Rudolf-Dießel Schule; Sarinas Bücher- und Spieleparadies; Buchhandlung Kolbe; Tokrades Garten und Landschaft; Gartenbau Gebrüder Schmidt; Brauwerk; Künstlerin Barbara Potas; Kindergarten TSGK e.V.; Kindertagesstätte am Driebenberg; SV Viktoria e.V.; Immobilieneigentümer

Aufwände

Finanziell:

  • Es entstanden Kosten für:

     

    Organisation und Begleitung Stadtstipendien             177.000 EUR

    Stadtstipendien                                                                    67.000 EUR

    Sachkosten Projekte Stadtstipendien                             40.000 EUR

    Fixkosten Coaches                                                              36.000 EUR

    Fixkosten Stadtstipendien (Mieten, Material)             19.000 EUR

    Gesamt                                                                                  339.000 EUR

     

    Davon wurden 60%, also 203.400 Euro, über das Förderprogramm Zukunftsräume Niedersachsen getragen. Die Stadt Königslutter am Elm beteiligte sich mit 135.600 Euro Eigenmitteln.

Personell:

  • Die Betreuung der Stipendien erfolgte durch die Begleitagentur InD initialdesign (Wilhelm Klauser) und die Begleitagentur Recén+ (Daniel Almgren Recén). Sie übernahmen die Steuerung und Auswahl der Stipendiat*innen in Abstimmung mit der Kommune. Die vorbereiteten Stipendienverträge wurden durch die Stadt unterzeichnet. Die regelmäßige Auszahlung der monatlichen Stipendien erfolgte durch die Stadt.

  • Für den Austausch mit dem Bürgermeister oder der Stadtentwicklung waren monatlich ca. 1,5h anzusetzen. Zusätzlich nahm der Bürgermeister oder eine Vertretung in der Regel an der Eröffnung und Übergabe eines abgeschlossenen Projektes an die Öffentlichkeit teil. An der eintägigen Abschlussveranstaltung nahmen Bürgermeister und die Leiterin des Bereichs Stadtentwicklung teil.

Gut zu wissen

Unsere Tipps für Nachahmer

  • Bei der Arbeit mit Stipendien ist es wichtig zu verstehen, dass meist keine großen Projekte zur Diskussion stehen. Die zeitliche und finanzielle Begrenzung von Stipendienprojekten führte zur schnellen Umsetzung vieler kleiner Projekte.
  • Stadtstipendien sind ein Bottom-Up-Ansatz, der Bevölkerung, Verwaltung und Politik niederschwellig in die Innenentwicklung einbindet und damit die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung kleiner, womöglich zusammenhängender Projekte schafft.
  • In der Umsetzung wurde Wissen akkumuliert und es entstanden Kontakte, auf die die nachfolgenden Stipendiat*innen mit ihren Projekten aufbauen konnten (aber nicht mussten).
  • Stadtstipendien wurden nicht sukzessive und nacheinander vergeben. Zeitweisen waren mehrere Stipendiat*innen gleichzeitig vor Ort. Aus ihrer Zusammenarbeit entstand ein Ansatz der Projektreihung, da es passierte, dass Projekte aufeinander aufbauten und fortgeführt wurden.
  • Die Stipendiat*innen haben sich gegenseitig gestützt und den Projekten unterschiedliche Expertise zugesteuert. Bewusst wurde in den Ausschreibungen der Stipendien auf eine Fokussierung auf einen einzelnen Fachbereich oder eine einzelne Hochschule verzichtet. Die Expertise in der Innenentwicklung entsteht gemeinsam und interdisziplinär.
  • Die 12 Stipendien wurden an Studierende aus 7 Hochschulen aus dem ganzen Bundesgebiet vergeben, die aus den Studiengängen Stadtplanung, Architektur, Urbanismus, Transformationsdesign, Landschaftsarchitektur und Kommunikationsmanagement bzw. Mediendesign kamen. Die konkrete Arbeit und der Kontakt mit Einwohnenden, Politik und Verwaltung stießen bei den Studierenden auf große Begeisterung, da das Angebot ein Gegengewicht, zu dem durch sie berichteten Fehlen von Praxis an den Hochschulen darstellt.
  • Die jungen Menschen lernten die Kleinstadt als Ort mit großen Qualitäten kennen: Sie sind bereit, sich für sie einzusetzen – auch wenn sie nicht hier gebürtig sind (z.B. erwerben sie Mitgliedschaft in Vereinen, sie suchen Standorte, um selbst zu gründen, sie verbessern die Kommunikation).
  • Indem die Menschen vor Ort einbezogen wurden, wurde die Akzeptanz der Interventionen im öffentlichen Raum sichergestellt. Gleichzeitig entstand daraus die Bereitschaft der Menschen vor Ort, für das Entstandene Verantwortung zu übernehmen.